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Hinterbühnen-Ästhetik Olafur Gislasons Arbeiten sind bisher engen Klassifizierungen des Kunstfeldes entgangen, obwohl es keine Probleme bereiten dürfte vor allem seine Medien-Arbeiten etwa unter Nicolas Bourriauds Etikett relational art zu subsumieren, der damit in den 90er Jahren eine Gruppe von künstlerischen Praktiken bezeichnete, die ihren theoretischen Ausgangspunkt in humaner Interaktion und ihrem sozialen Kontext nahmen. Ähnliche Parallelen bestehen zur Idee einer Partizipationskunst, die für eine paradigmatische Wende in der avancierten Kunst der 90er Jahre steht. Ungeachtet dieses Diskussionskontextes wollen wir uns an dieser Stelle auf die Frage konzentrieren, welche Art von sozialer Praxis in den Medien-Arbeiten von Gislason thematisiert wird uns interessiert also weniger, wie die Kunst an dieser Stelle operiert, sondern wie das Material, mit dem sie umgeht und von dem sie selbst ein Teil ist, strukturiert ist. Als Beispiel dient uns das Projekt Medium St. Pauli von 1995: In dieser Arbeit die über einen Zeitraum von 6 Monaten angesetzt war installierte Gislason in neun Bars im Vergnügungsdistrikt St. Pauli in Hamburg jeweils eine Art Pinnwand mit einem kastenförmigen Unterbau, der als Schreibpult dienen konnte, und platzierte dort Malstifte, Zeichenpapier und andere Utensilien zur Nutzung der Pinnwand. Die ausgewählten Bars, die sich in räumlicher Nähe zueinander befanden, deckten ein heterogenes Publikum ab und wiesen einen unterschiedlichen sozialen Gebrauch der Installation auf. Die Erträge des Projekts wurden unter anderem in der Ausstellung What is the monkey looking at im Living Art Museum in Reykjavik gezeigt, in der Ausstellung Stillehalten in der Künstlerwerkstatt Lothringer Straße in München und in der Ausstellung Laterna Nordica in der All India Fine Arts and Crafts Society in New Delhi. Wir können zunächst fragen, warum Gislason nicht jene Orte aufgesucht hat, die nur wenige Meter von seinen installierten Pinnwänden entfernt seit jeher Botschaften kommunizieren: die Toilettenräume. Sie sind erstmals in der Zeitschrift Anthropophyteia von 19041913 mit einer Serie von Klassifikationsrastern überzogen worden: Unter der Rubrik Skatologische Inschriften begründete man die sogenannte Latrinalia-Forschung, die heute als Ursprung der Graffiti-Forschung genannt wird. Historiker verweisen gern auf den reichhaltigen Fundus von Graffiti in Pompeji, weil dort das vernachlässigte Alltagsleben der kleinen Leute zu rekonstruieren sei, durch, wie Martial die Wandbeschriftungen kommentiert haben soll, Inschriften von Kellerpoeten, die ihre Gedichte mit grober Holzkohle und stinkender Scheiße an die Wände schreiben. In jüngerer Zeit sind Toilettengraffiti zum Forschungsgegenstand von gender-studies geworden. Dass Gislason an einer authentischen Repräsentation dieses Materials kein Interesse hat, obwohl seine clouds of expression sich auf den ersten Blick kaum von Toilettengraffiti zu unterscheiden scheinen, hat zunächst seinen einfachen Grund darin, dass es um eine künstlerische Definition der Situation geht und eben nicht um den sammelwütigen, sich einverleibenden Blick des Anthropologen, der seine Schätze schließlich dem staunenden Publikum wie nach einem gelungenen Raubzug vor Augen führt. Gislason konstruiert sein Projekt in Anlehnung an die soziale Praxis der Graffitikommunikation, indem er einen spezifischen Rahmen vorgibt, der diese Praxis auf ganz eigene, wenn auch durch den Anlehnungskontext geprägte Weise vorführt. Dieser Anlehnungskontext Schnitzereien in Schulbänke, Baumritzzeichnungen, Toiletten-Inschriften, Fahrstuhlkritzeleien, beschriftete Hauswände ist unter formalen Gesichtspunkten oft genug auf den Begriff einer anthropologischen Konstante gebracht worden; in fact, naughty pictures have been produced ever since some beetle-browed brut of a stone age man lumbered into his cave and decided to decorate his stone livingroom walls. Wir würden Gislasons Medium St. Pauli gänzlich falsch verstehen, wenn wir es als Generierung ästhetischen Materials dieser Tradition von naughty pictures hinzufügen wollten. Wenn es denn einen Anknüpfungspunkt an Traditionen in seinem Projekt gibt, so liegt er in der konzeptuellen Hinwendung auf die soziale Praxis, die im Kunstkontext seit den 1960er Jahren verschiedenste Facetten angenommen hat. Um welcherart soziale Praxis handelt es sich? In seiner klassischen Studie über The Presentation of Self in Everyday Life kommt Erving Goffman auch auf jenen Raum zu sprechen, an dem die sogenannten biologischen Bedürfnisse befriedigt werden. Er schildert ihn als einen Ort, wo der Einzelne durch das Defäzieren seine Ausdrucksmaske fallen lässt, die er in persönlicher Interaktion trägt. Er befindet sich in einer kontrollierten Hinterbühnensituation. Die Unterscheidung von Vorder- und Hinterbühnen benutzt Goffman, um zwei grundlegende Strategien der Selbst-Darstellung analytisch zu trennen, wobei die Vorderbühne ein hohes Maß normativer Erwartungen in die Subjekt-Fassade einfließen lässt, während die Hinterbühne eben diese Fassade widerlegt. Dieses sozialwissenschaftliche Bühnenmodell hat im Gefolge einer Renaissance des Goffmanschen Ansatzes im Diskurs über Theatralität eine große Rolle gespielt, wobei man diesen Begriff auf jegliche Art von (Re-) Präsentation beziehen kann. Goffman analysiert Interaktion einerseits als Identifikations-, Signifikations- und Informationsspiel, das beginnend mit dem ersten Eindruck spezifische Selbst- und Fremdkontrollzwänge hervorruft, die aber intuitiv, d. h. auf der Basis von Klischeevorstellungen ablaufen. Die Interaktionen sind gerahmt, z. B. als Hinterbühne: In der ganzen westlichen Gesellschaft ist eine inoffizielle, eine Hinterbühnensprache, üblich und eine andere für Gelegenheiten, bei denen man sich darstellt. Nun sind die von Gislason im Medium St. Pauli gewählten Orte ehemalige Hafenarbeiter- und Seefahrerkneipen, die heute von unterschiedlichen sozialen Gruppen aufgesucht werden klassische Hinterbühnen in Relation zu den sozialen Rahmungen der Besucherinnen und Besucher im Beruf und in alltäglichen Routinen. Gleichwohl gehorcht auch diese Hinterbühne einem feinen Set von zu beachtenden Verhaltensregeln, denen nur temporär zu entgehen ist, dann nämlich, wenn die biologischen Bedürfnisse es ermöglichen, einen Ort mit idealen Wahrnehmungsschranken aufzusuchen, den stillen Ort. Er verwandelt die Bar wiederum in eine Vorderbühne. Die skatologischen Inschriften legen Zeugnis ab vom Hinterbühnenstatus der Toiletten, indem sie die Subjekt-Fassaden der Vorderbühne in ihr Gegenteil verkehren, indem die enthemmte Person sich an der Klowand einen Spiegel eines in diesem Moment möglichen Ausdrucks schafft. Gislason knüpft in seiner Arbeit an eben diese soziale Praxis der Graffitikommunikation an und nutzt in diesem Zusammenhang die Möglichkeit einer souveränen Setzung durch das Künstlersubjekt: Er zerrt die versteckte Hinterbühnenkritzelei ins Licht des schummrigen Barinterieurs und verändert damit die soziale Praxis der enthemmten Beschmutzung, weil die Wahrnehmungsschranken fehlen. Es muss aber zunächst ungewiss bleiben, was nun eigentlich geschehen kann. Sind damit Standards der sozialen Kontrolle reaktiviert? Wird fortgesetzt, was als entlastende Symbolproduktion in der Toilettenzelle erfahren wurde? Hier befinden wir uns präzise am Ort der künstlerischen Intervention: Wir können nachvollziehen, dass Gislason das Material der sozialen Welt nicht re-präsentieren will, sondern durch eine Art Umbau des Bühnenbildes ein neues Stück sozialer Praxis zur Aufführung bringen kann. In diesem Sinne gehorcht Gislasons Arbeit sogar der Logik des modernistischen Innovationszwanges, auch wenn ihm diese vermutlich nicht ausschließlich als Motivation gedient hat. Im Sinne der mit Goffmans Arbeit verwandten Vertreter der Ethnomethodologie handelt es sich um ein Krisenexperiment, weil die soziale Grammatik manipuliert wurde. Soviel zu Gislasons Ausgangspunkt. Aus soziologischer Sicht hat nun ein Blick auf das Material zu folgen, um Hinweise darauf zu finden, welcherart die Folgen der künstlerischen Intervention waren. Nicht zuletzt müssten auch Maßstäbe für ein Scheitern des Projekts formulierbar sein, denn wenn die konzeptuelle Anlage auch zu überzeugen vermag, besteht doch die Möglichkeit, dass sich das Material gegen einen solchen Eingriff wehrt oder ihn als belanglos erscheinen lässt. Die Theatermetaphorik von Goffman enthält implizit eine These über die Interpretation von Hinterbühnengraffiti in Toilettenräumen: Es geht dort in erster Linie um einen Fassadenwechsel, eine als Entlastung empfundene Expression der Person, die sich häufig im skatologischen Bereich befindet. Dieser Ausdruck ist aber gebunden an die spezifische soziale Situation der Hinterbühne, es handelt sich um eine Momentaufnahme, die nur innerhalb der Relation zur Vorderbühne explizierbar ist, d. h. es geht nicht um den Spiegel einer verborgenen Kultur, die sich dort ausdrückt; Personen zeigen dort nicht ihr wahres Selbst, sondern agieren in einer sozial extrem reduzierten Situation, wobei die ausgedrückten Grenzüberschreitungen oft genug jene Grenzen thematisieren, die auf der Vorderbühne als natürliche Einstellungen gelten. In Goffmans Sicht erhält die Person am Ende der Interaktionskette die Chance, unbeobachtet vom Korsett der Subjekt-Fassade abzuweichen und sich probeweise als deviante, andere Person darzustellen. In diesem Sinne schwingt in den Sorgen um z. B. den faschistoiden oder sexistischen Inhalt solcherart Graffiti zugleich auch die Sorge über den Verlust der Subjekt-Fassade mit. Gislasons Medium St. Pauli verweigert für
seine Akteurinnen und Akteure sichere Wahrnehmungsschranken im Sinne einer
nicht sichtbaren Hinterbühne und suggeriert durch die Anlage der
Installation Gislasons zusammengetragenes Material fügt sich zu sozialen Porträts der jeweiligen Orte mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Auch wenn es lediglich möglich ist, in impressionistischer Manier Andeutungen über typische Merkmale der sozialen Akteurinnen und Akteure zu machen, so kann man doch aus der Graffitikommunikation auf den sozialen Kontext der Graffitisten schließen: Wir finden die Gruppe der sozial Marginalisierten, verschiedene Ausprägungen subkultureller Gruppierungen, biedere Angestelltenkultur auf der Suche nach dem Authentischen bzw. nach einem liminoiden Erlebnis (Victor Turner), politische Akteure von Emigrantengruppen, Personen, die sich in erster Linie als Touristen markieren, und einen erheblichen Anteil von konstruierten Subjekt-Fassaden, die den Vorderbühnenstatus der Personen gerade verdecken, die sozial gewissermaßen incognito unterwegs sind. Ein charakteristisches Merkmal der Graffitikommunikation sind Namensnennungen, also Markierungen von Territorialitätsansprüchen. Wenn man Goffmans Analyse der Territorien des Selbst in Rechnung stellt, vor allem seine Beschreibung der immer wieder neu auszuhandelnden nah/fern Relationen im sozialen Verkehr besonders schön expliziert am Fahrstuhlverhalten so haben diese Dokumente doch offenbar eine wichtige soziale Funktion: So langweilig sie für die Rezipienten sind (Corina wahr hier, Zürich grüßt Hamburg, Lang lebe Bielefeld etc.), für die Schreibenden scheinen solche Markierungen bei der Ortsnutzung Sicherheit und zugleich Ansprüche zu produzieren insbesondere die Fremden greifen zu diesem Mittel der Darstellung. Man kann aus der Anzahl der Namensnennungen Rückschlüsse auf den touristischen Gebrauch der Bars ziehen; in einigen von Gislasons ausgewählten Etablissements findet man diese Art der Territorialitätsfolklore nämlich nicht. Typisch auch, dass in diesen Sprüchen soziale Anbindung und Ähnlichkeit thematisiert werden: Carsten aus Duisburg grüßt alle Opel Fahrer oder Höma et grüßt die Schnullerbande aus Geldern am Niederrhein. Auch die männlich dominierte Darstellung sexueller Inhalte ist schon vom Umfang her unterschiedlich verteilt und geht häufig Verbindungen mit territorialen Markierungen ein: Ich Hermann-Josef (Karpen-Sindorf) geil bis unter die Pfanne (es folgt Telefonnummer). Während in den subkulturell geprägten Bars wenig sexuell anzügliche Darstellungen zu finden sind, kommt diese Art Graffitikommunikation vor allem in touristisch geprägten Orten und im kleinbürgerlich strukturierten Milieu vor. Wir können unterscheiden im Gewand der Dienstleistung daherkommende Markierungen wie Frank Schilling aus Bremen fickt Euch alle, ruft an (es folgt Telefonnummer) oder als Suchanzeigen aufgemachte Beiträge wie Kai sucht geile Möse zum Korn trinken oder im klassischen Hinterbühnenjargon sexistischer Männer formuliert ... sucht ein spritziges Tittenmonster für feuchte Nächte. Bin ein süßer Kuschelbär. Warte sehnlichst auf Deinen geilen Anruf (incl. Telefonnummer). Wenn dieses Genre der sexuellen Darstellungen auch oft als direkte Kommunikation angelegt ist, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade der sexistische Grundton dieser Graffiti Teil eines Balzverhaltens ist, und dass der Graffitist eigentlich mit sich selbst kommuniziert, sich einen Spiegel vorhält, der ihn auf der Hinterbühne in der Folklore eines balzenden Männchens zeigt und ihm offensichtlich Mut für das Betreten der Vorderbühne machen soll. Es gibt aber auch ganz lapidar daherkommende Handlungsvorschläge wie Wenn dir langweilig ist, geh ficken oder klassische Männerphantasien wie diese: Hi, my name is Shaun. I am very big where it matters. I am waiting to meet a blind nymphomaniac. If you can read this you are no good to me!!!. Interessant ist, dass Gislasons clouds of expression eine Spaltung der Akteure zum Ausdruck bringt in solche, die den Konventionen männlicher Toilettengraffiti folgen und gewaltbetonte Sexualphantasien dokumentieren und solche, die diese Thematik ganz aussparen. Wir vermuten, dass dieser Effekt verstärkt wurde durch die spezifische Sichtbarkeit von Gislasons Pinnwänden. Das Fehlen sexuell motivierter Graffiti korreliert mit dem sozialen Kontext eines künstlerisch geprägten Feldes der Subkultur, in dem sexistische Positionen vor allem auf der Vorderbühne des sozialen Verkehrs als illegitim gelten. Unter Kindern und Jugendlichen ist es zum Teil heute noch üblich, ein sogenanntes Poesiealbum auszutauschen die Inschriften gehören meist noch der Tradition des Antimodernismus an und atmen den Muff des Wilhelminischen Deutschlands. Dagegen steht die Hinterbühnenpoesie der von Gislason dokumentierten Graffiti, die Lebenswahrheiten von unten formulieren: Kein Schwanz ist so hart wie das Leben (mit Namensnennung und Datum) kein Satz für das Poesiealbum. Zum Teil nehmen die Sätze den Stil des Reimens auf, bewegen sich also durchaus im Gehäuse des Poesiealbums, bevölkern es aber mit ihren Erfahrungen: Du weist nicht mehr wie Blumen duften, kennst nur das Arbeiten und das Schuften. Auf einmal liegst Du auf der Bahre, und hinter Dir da grinst der Tot. Kaputtgerackert. Vollidiot. Diese vermutlich von sozial marginalisierten Personen verwendeten Sprüche (Ich grüsse alle CB Funker und Sozialhilfeempfänger! Soll der Staat schauen wie er uns am scheißen hält!) kontrastieren mit einem anderen Typus, der den klassischen Hinterbühnenblues (Suche mich wer mich findet bitte an der Theke abgeben) vermeidet. Es sind dies Texte, die an Werbung erinnern wie z. B. Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum oder Statements, die eine Art eigenes Genre bilden wie z. B. Das Wort ist der Mantel, in dem der Sinn schweigent auf seine Entkleidung wartet, Porträt einer Person, die tiefsinnig formuliert und sich damit von der Alltagsroutine entfernt, mit der Verwendung des Begriffs Entkleidung aber zugleich eine sexuelle Konnotation ins Spiel bringt, die den Tiefsinn parodiert. Ähnlich funktioniert auch dieser mit dem Atheismus spielende Satz: Gott ist Liebe, Liebe macht blind: Ray Charles ist Gott. Porträtiert wird in diesem Genre das Vermögen der Graffitisschreiber geistreich zu sein, ein Kapital mit dem sie auf der Vorderbühne der Bar erfolgreich sein können. Der soziale Gebrauch der Installation von Gislason teilt sich hier also in zwei sozial weit voneinander entfernte Pole. Überraschend ist, dass kaum politische Statements entstanden sind. Die Gründe hierfür mögen in der soziale Kontrolle ermöglichenden Installation liegen, könnten aber auch durch die politische Kommunikation von 1995 verursacht sein, die weniger polarisierend war als heute. Eines der wenigen Beispiele bezieht sich auf einen rassistischen Hintergrund und benutzt dafür ein Sprachspiel: Waß ist ein Neger ohne Zunge? Ein Braunschweiger. In einer Kettenkommunikation ist dem Satz beigefügt: Blöde Witz. Besonderheiten der Differenzierung in der sozialen Nutzung lassen sich aus den unterschiedlichen inhaltlichen Stellungnahmen der Graffiti rekonstruieren, sie ergeben sich aber auch aus dem unterschiedlichen Gebrauch der Form. Man kann drei Formen der Nutzung von Gislasons Installation isolieren: Überwiegend wurde die Pinnwand in der Tradition der Toilettengraffiti verwendet und produzierte Hinterbühnen-Ästhetik, die sich kaum an der Sichtbarkeit der Tätigkeit, also an der Möglichkeit der personellen Zuordnung des Beitrags störte. Ganz anders wurde insbesondere in einer Bar verfahren (Rosis Bar), die praktisch nur Beiträge in Form von Zeichnungen lieferte. Hier wurde anscheinend referiert auf das Kunstprojekt und entsprechend eine spezifi-sche Erwartungshaltung unterstellt. Schließ-lich fand sich eine personenunabhängige Nutzung für Veranstaltungshinweise und politische Traktate wie die vom kurdischen Kulturverein. Der Kunstdiskurs muss immer wieder erhebliche Energie
darauf verwenden, Erweiterungen des Kunstbegriffs zu kommunizieren, um
die Praxis der KünstlerInnen in die Kontinuität einer legitimen
künstlerischen Praxis zu stellen. Gislasons Medien-Projekte dürften
in diesem Sinne den Segen des Konzeptualismus haben und darüber hinaus
auch genügend Ansatzpunkte liefern, um in zeitgenössischen Strömungen
wie etwa der Partizipationskunst eine Rolle zu spielen. Wir
wollen abschließend versuchen die unverwüstliche Robustheit
der Autopoiesis der Kommunikation in der Kunst (Luhmann) für
einen Moment zu verleugnen und fragen, ob Gislasons Projekt unabhängig
davon, dass es als Kunstprojekt bestens funktioniert, auch in anderer
Hinsicht Sinn machen kann. Aus soziologischer Perspektive ist das überraschende
Resultat der Analyse von Medium St. Pauli die Dominanz der
Hinterbühnen-Selbstporträtierung: Das installierte Medium kommuniziert
zwar Botschaften und veröffentlicht damit Material aus
dem Informationsreservat (Goffman) der jeweiligen Person,
doch richtet sich diese Botschaft in erster Linie an den Sender selbst.
Das Hinterbühnenszenario bekannt aus der Toilettengraffitiwelt
ermöglicht die Darstellung einer anderen Person,
die für einen Moment von bestimmten sozialen Normierungen befreit
zu sein scheint. Es ist das Verdienst von Gislasons Arbeit, diesen Vorgang
sichtbar gemacht zu haben in neun sozial sehr unterschiedlich ausgefallenen
Porträts. Ein vorstrukturiertes Bühnenszenario wurde |